Funktionen eines Friedhofs

Ein Friedhof ist dazu da, dass Tote beerdigt werden können. Ist ja klar. Allerdings ist das bestimmt nicht seine Hauptfunktion. Beerdigt wird jeder Mensch schließlich nur einmal. Die meisten sind vorher wesentlich öfter hier. Was leistet ein Friedhof also sonst noch alles für seine Besucher?

Trauer

Der Friedhof ist vorrangig ein Ort für die Lebenden. Seine wichtigste Aufgabe ist sicherlich die Trauerbewältigung von Hinterbliebenen. Die letzte Ruhestätte eines Menschen ist für sie oft einer der wichtigsten Bezugspunkte. Ich weiß aus vielen Gesprächen, dass das für jüngere Leute oft unverständlich ist, weil es sich schlecht in Einklang mit unserer allgemeinen Rationalität und Abgeklärtheit bringen lässt oder auch, weil es zu sehr mit Glauben und Religion in Verbindung gebracht wird. Meiner Meinung nach hat das damit aber wenig zu tun. Es passiert eher automatisch, dass ein Mensch, der eine enge Beziehung zu jemandem hatte, sich nicht von heute auf morgen umstellen kann und weiter mit dieser Person in Kontakt treten möchte, ob das nun möglich ist oder nicht. So irrational oder vielleicht sogar makaber das auch vielen Leuten erscheinen mag, so ist doch die Grabstätte immer der Ort, an dem man dem Verstorbenen physisch am nächsten sein kann und dieses Bedürfnis haben wir nun mal. Ein Grab zu besuchen hat deshalb meiner Meinung nach eher psychologische als religiöse Gründe (meistens jedenfalls) und ich weiß aus Erfahrung, dass es den meisten Menschen gerade in der ersten Zeit nach einem Verlust sehr helfen kann. Außerdem guckt auf einem Friedhof keiner doof, wenn man sich mit einem Stein unterhält.

Soziale Kontakte

Einer der positivsten Aspekte dieses Ortes ist, dass man als Trauernder mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Menschen trifft, die ebenfalls jemanden verloren haben. Der Austausch mit Leidensgenossen kann bei der Trauerbewältigung sehr hilfreich sein. Man kann sich auch einfach unterhalten, beschäftigen, ablenken. Oft Entstehen hier sogar richtige Freundschaften. Gleichzeitig sind die meisten Friedhofsbesucher aber auch nicht besonders aufdringlich, sondern rücksichtsvoll genug, einem die Ruhe zu lassen, die man benötigt. Muss wohl an der ruhigen Umgebung liegen. Na gut, es gibt auch Bekloppte, aber die gibt es ja überall, und auf einem Friedhof hat man irgendwie sogar vor denen mehr Respekt.

Natur in der Stadt

Gerade im Ruhrgebiet kennt man eigentlich fast nur zwei Arten von Grünflächen: Es gibt städtische Parks, sogar ziemlich große, wie z.B. den GrugaPark in Essen, und es gibt zwischendurch mal ein Maisfeld oder so. Dass das mit Natur und Artenvielfalt allerdings wenig zu tun hat, ist den meisten Menschen klar, spätestens wenn die Jungs mit den Laubgebläsen aufmarschieren. Wenn alle Flächen bebaut oder für irgendetwas eingeplant sind und krankhaft "sauber" gehalten werden, bleiben der Natur nur diejenigen übrig, die wir eben dafür eingeplant haben, sie möglichst langfristig gar nicht zu nutzen. Und genau die finden wir auf Friedhöfen, in Form von Überhangflächen. Deshalb findet man hier auch eine erstaunlich große Anzahl an verschiedenen, z.T. bedrohten Tierarten, die sonst kaum eine Nische finden können. Dazu zählen nicht nur alle möglichen heimischen Vogelarten, Eichhörnchen, Igel oder Mäuse, sondern auch Siebenschläfer, Steinmarder und Fledermäuse. Besonders große Friedhöfe mit einem alten Laubbaumbestand, alten Friedhofsmauern und großen Wiesenflächen, die die meiste Zeit wild wuchern dürfen, bieten ihnen den besten Lebensraum. Näher an die Bedeutung des Begriffs "Natur" kommt man im Ruhrgebiet nirgendwo anders 'ran.